• Sandra Tögel

𝕄𝕖𝕚𝕟 𝕚𝕟𝕟𝕖𝕣𝕖𝕣 ℝ𝕖𝕚𝕥𝕖𝕣


Wir Reiter sind schon ein ganz eigenes Volk. Das ist wohl jedem bekannt, der schon mal in den Genuss gekommen ist, als Nicht-Reiter in einen Reitstall verschleppt worden zu sein. Und wir selbst wissen ja sowieso, dass wir speziell sind. Aber auch im Alltag, fernab von unserer natürlichen Umgebung, dem Stall, ist es unvermeidlich, dass der Reiter in uns zum Vorschein kommt. Achja, nur als Zwischeninfo, ich werde nicht gendern – wir sind alle Reiter, ob Männlein oder Weiblein – man kann schließlich alles übertreiben.


Ich möchte euch deswegen gerne aus meinem Alltag berichten, was mir so aufgefallen ist. Lustigerweise bin ich vor allem als Autofahrer und Hundebesitzer auf viele Eigenarten aufmerksam geworden.


Hat vier Beine, könnte ein Pferd sein

Beginnen wir mal aus der Sicht des Hundebesitzers. Bei mir zuhause regiert ein kleiner König. Mein kleiner König ist ein 13-jähriger Malteser, der auf den Namen Derek von der Wettereiche hört. Oder auch nicht hört, wie es seiner Majestät eben gerade beliebt. Was er gerne hört, sind die Worte: „Derek, geh‘ ma Gassi?“ – da flitzt er durch’s Haus wie ein junger Hund.



Seine Majestät hat ein dunkelrotes Brustgeschirr, passend zur Leine. Eine stinknormale Stoffleine, keine von diesen gruseligen Flexi-Dingern. Eine königsblaue Marke von soulhorse.de mit der Aufschrift „kleiner König“ schmückt das Geschirr. Ups, dieser Beitrag enthält Produktplatzierungen. Für den Winter haben wir noch einen königlichen Wollpullover mit Hirschmuster. Was wir nicht haben ist eine Schleppleine, wobei irgendwie ja schon, weil im Grunde ist das auch nur eine Longe. Sowas weiß man natürlich, weil man Reiter ist. Leinenführig war seine Hoheit übrigens nie. Ich verlasse also das Haus, die Leine selbstverständlich wie Zügel haltend, ganz brav durch Ringfinger und kleinem Finger verlaufend, und das Geziehe beginnt. Als gut erzogener Reiter weiß man „Zug erzeugt Gegenzug“ und deswegen wird seine Durchlaucht durch stetiges Annehmen-Nachgeben in Zaum gehalten. Nicht, dass ihn das daran hindern würde, weiterzuziehen. Er zieht dabei nicht nur vorne weg, sondern wirft sich auch spontan in die entgegengesetzte Richtung, wenn er einen Staatsfeind wittert – oder eine holde Maid? Instinktiv schnalzt meine Zunge und ich versuche so den königlichen Allerwertesten vorwärts zu bewegen. Auf unserem Rückweg ist das Ganze dann schon etwas entspannter und seine Majestät trottet gemütlich an der durchhängenden Leine – oder am hingegebenen Zügel – neben mir her. Dabei fällt mir sofort auf, dass er im Schweinepass unterwegs ist und ich korrigiere das durch eine kurze Parade an der Leine und einem schnelleren Schritt vorwärts, weil das beim Longieren von meinem Pferd auch so funktioniert. Der pferdefrauchengeschädigte Hund springt brav in den Trab um und bekommt ein langgezogenes „Feeeeiin“ zu hören. Zuhause angekommen wird er mit einem bestimmten „Steh!“ darauf hingewiesen doch bitte zu warten, damit ich ihm noch das Geschirr ausziehen kann. Er bleibt stehen, weil er das sowieso gerade tun wollte, nicht weil seine Majestät sich was sagen lassen würde – schließlich bin ich nur die Hand des Königs und die endgültige Entscheidung trifft der König. Okay sorry, aber einen Game of Thrones Witz musste ich einbauen, es war zu verlockend!


Ich weiß nicht, ob euch das auch schon aufgefallen ist, aber Reiter neigen dazu, ihren Hunden die gleichen Kunststückchen beizubringen, wie ihren Pferden. Ich selbst hab diesen Punkt auf der Liste ausgelassen, aber Annas Hunde können Kompliment und spanischen Schritt.


Reiter und Autos


Kommen wir nun zum Autofahren. Man muss ehrlich sagen, die meisten Reiterautos schreien schon von selbst REITER!, allein durch den Sauberkeitszustand außen, sowie innen und den seltsamen Dingen, die man darin findet. Ich hab zum Beispiel von Dezember bis März ein paar Schabracken auf der Rückbank spazieren geführt, weil ich den Stallkasten ausgemistet hab und dann zu faul war sie ins Haus zu tragen. Außerdem wollte ich mich nicht mit den Haaren auseinandersetzen, die unweigerlich aus den Schabracken auf meinen Rücksitz gerieselt sind und so schön darunter versteckt waren. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre der Straßenverkehr eine Bahnstunde a la Abteilungsreiten, wobei das langsamste Pferd mit dem schlechtesten Reiter eindeutig ganz vorne geht. Mein James – schwarzer VW Polo mit Automatikgetriebe – wäre in dieser Metapher eher eines von den quirligen Schulpferden, bei denen du nicht mal in Gedanken den Schenkel anlegen darfst. So, jetzt kennt ihr meinen Fahrstil auch. Nicht selten sitze ich also im Auto und ertappe mich selbst dabei, das vordere Auto durch Schnalzen antreiben zu wollen. Andersherum probiere ich gerne James durch beruhigendes Pfeifen oder ein tiefes „Whooow“ zu bremsen, wenn mein Vordermann immer langsamer wird. Irgendwie funktioniert das aber nicht so gut, komisch.


Vor Jahren ist mir mal am Heimweg vom Stall was Lustiges passiert. Leider war ich alleine im Auto und musste mit mir selbst lachen. Ich fahr‘ so dahin, nichts Böses ahnend, damals noch mit meinem ersten Auto, der Rosi – Mazda 2 Sport in Babyblau. Auf einmal seh‘ ich ein Stück weiter vorne auf der Straße rechts einen riesigen Plastiksack liegen, der sich wallend mit dem Wind bewegt. Mein Kopf schaltet in den Reitermodus, Adrenalin wird ausgeschüttet, die Muskeln spannen sich an, mein Blick wechselt zwischen meinem Fortbewegungsmittel und dem Plastiksack am Wegrand hin und her. Alles war bereit zu reagieren, sollte sich mein Auto davor erschrecken. Das Ganze endete in einem Lachkrampf! Natürlich erschreckt sich Rosi nicht, die hat schon etliche Schrecktrainings absolviert.

Ich muss auch immer schmunzeln, wenn ich über ein Hupferl fahre und in den leichten Sitz gehe. Natürlich stehe ich nicht auf, aber der Oberkörper bewegt sich nach vorne wenn es nach oben geht, damit ich den Fahrersitz entlaste – ich will ja nicht, dass James Rückenprobleme bekommt. Warte, ein „Hupferl“? Wir nennen das immer „Hupferl“ oder „Wub“ und ich musste gerade echt googlen wie das wirklich heißt. Gemeint ist eine Bodenschwelle oder Bremsschwelle. Die Dinger hald, wo es blöd ist, wenn man sie übersieht. Da hilft dann auch kein Entlastungssitz mehr.


Alltäglicher Reiterwahnsinn


Und dann gibt es da noch die üblichen Reiterangewohnheiten im Alltag. Es wird prinzipiell alles angeschnalzt, was zu langsam oder im Weg ist – Hunde, Autos, Menschen und Fahrräder. Wer hat früher nicht sein wildes Fahrrad gezähmt, bis man in einem imaginären Viereck die verschiedensten Bahnfiguren reiten konnte? Die unterschiedlichen Bewegungen für Schritt, Trab und Galopp inklusive. Wenn der Drahtesel böse war, musste man ihm auch manchmal die Schenkel geben – er war ja schließlich selbst schuld. Besagtes imaginäres Viereck gab es auch des Öfteren im Garten, wenn man zu Fuß ein Pas des Deux üben wollte.

Ein Gymnastikball ist sowieso immer ein Pferd und jeder Wiesenweg, den man vom Auto aus erspäht, ist ein perfekter Reitweg. Wir können keine Filme anschauen, in denen Pferde vorkommen. Vor allem, wenn es ein Film ist, bei dem es nicht hauptsächlich um Pferde geht, wird jeder Fehler entdeckt und kritisch kundgetan – und davon gibt es viele. Anwesende Nicht-Reiter verdrehen da schon im Vorhinein die Augen, wenn ein Pferd auf der Leinwand auftaucht. Bei Pferdefilmen wird natürlich noch genauer analysiert, ob alles mit rechten Dingen zugeht und meist einstimmig beschlossen, dass der rebellische Teenager, der die Pferde gestern noch blöd fand, nicht ernsthaft am nächsten Tag die WM gewinnen kann.


Und der Oscar für die wohl bekannteste Reiterkrankheit geht an … die freudige und für alle Anwesenden hörbare Kundgabe, dass ein Pferd gesichtet wurde. Mit einem langgezogenen „Pfeeeeeeerd!“ drücken wir die Sichtung eines Pferdes in einer unerwarteten Situation aus. Ich glaube, die Pferdesichtungssirene geht immer und bei jedem Reiter los, auch wenn man hundert eigene Pferde im Stall stehen hätte. Dieses Phänomen tritt wahrscheinlich sogar beim Ausreiten auf, wenn man gerade selbst auf einem Pferd sitzt und auf andere Pferde trifft.


Auch wenn wir so unsere Eigenheiten haben, ist das Reitervolk ein liebenswertes Volk, das zu seinen Eigenheiten steht. Okay, die meisten stehen dazu. Ich stehe auf jeden Fall dazu – ich hatte so viel Spaß beim Schreiben dieses Beitrags und ich hoffe euch ging es beim Lesen genauso!

16 Ansichten
  • Schwarz Facebook Icon
  • Black Instagram Icon

Instagram: sandratoegelfotografie

  • Instagram - Weiß Kreis

© 2019 by Sandra Tögel

sandra.toegel@aon.at | Niederösterreich